Niemand soll etwas hinzufügen oder wegnehmen

Wer sich mit den Offenbarungen des Herrn in den heiligen Schriften befaßt, stellt fest: Es handelt sich um fortlaufende Offenbarung, wodurch die Propheten und die Kirche in allen Zeitaltern geleitet wurden.
Kürzlich schrieb mir ein junger Freund, der auf Mission ist. und erkundigte sich im Hinblick auf eine an ihn gerichtete Frage. Es ging dabei um die Schlußverse der Bibel und ob sie sich auf das Buch Mormon beziehen. Wir wissen, daß am Ende des Buches „Offenbarung”, also des letzten Buches der Bibel, der Verfasser Johannes eine Warnung und einen Fluch für jeden ausspricht, der dem Buch etwas hinzufügt oder etwas davon wegnimmt. Das sind genau seine Worte: „Ich bezeuge jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: Wer etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, von denen in diesem Buch geschrieben steht.
Und wer etwas wegnimmt von den prophetischen Worten dieses Buches, dem wird Gott seinen Anteil am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen, von denen in diesem Buch geschrieben steht.” (Offb 22:18. 19.)
Diese Verse werden oftmals von Leuten zitiert, die das Buch Mormon in Mißkredit bringen wollen und behaupten, Gottes Offenbarung sei ein für allemal abgeschlossen. Es sei nichts mehr hinzuzufügen oder wegzunehmen. Sie stellen die Behauptung auf, das Buch Mormon sei ein Versuch, der Bibel etwas hinzuzufügen. Derlei wurde behauptet, als das Buch Mormon erstmals veröffentlicht wurde, und auch später noch, bis zum heutigen Tag. Ist dies in irgendeiner Weise zutreffend?
Die Antwort auf diese Frage ist in Wirklichkeit sehr einfach. Wenn man den Text sorgfältig liest, ist einem klar, daß sich dieses Hinzufügen oder Wegnehmen nicht auf die gesamte Bibel und nicht einmal auf das Neue Testament bezieht. Johannes spricht lediglich von den „prophetischen Worten dieses Buches”, also von den prophetischen Worten im Buch „Offenbarung”. Dies wird ferner dadurch erhärtet, daß mehrere Bücher des Neuen Testaments noch gar nicht geschrieben waren, als Johannes die Offenbarung niederschrieb; und die, die bereits geschrieben waren, hatte man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht zu einem einzigen Buch zusammengefaßt. Die aus 66 Einzelbüchern bestehende Schriftsammlung, die wir als Bibel bezeichnen, wurde erst, lange nachdem Johannes das Buch geschrieben hatte, das an das Ende der Bibel gesetzt wurde, zu einem Band zusammengefaßt. Es ist daher klar, daß die schrecklichen Richtersprüche, die jeden treffen, der etwas zu dem Buch hinzufügt, keinerlei Bezug auf die gesamte Bibel oder das Neue Testament haben, sondern ausschließlich auf das Buch „Offenbarung”.
Zweitens heißt es in der Warnung: „Die prophetischen Worte dieses Buches”. Die Wendung kommt zweimal vor und das Wort „Buch” steht in beiden Fällen im Singular und kann sich nur auf das prophetische Buch des Johannes beziehen, das den Titel „Offenbarung des Johannes” trägt und oft als „Apokalypse" bezeichnet wird -- ein griechisches Wort, das soviel bedeutet wie „Enthüllung, Offenbarung”. Es steht natürlich deshalb im Singular, weil es mit keinem anderen Buch oder anderen Büchern etwas zu tun hatte. Erst lange Zeit danach wurde es nach vielen innerkirchlichen Debatten in die Sammlung aufgenommen, die als der neue Schriftkanon oder als das Neue Testament bekannt wurde.
Interessant ist auch der Hinweis, daß ja Johannes selbst der vorhandenen heiligen Schrift etwas hinzugefügt hat, nachdem er das Buch „Offenbarung” geschrieben hatte, das er — darin ist man sich allgemein einig ﷓ während seines Aufenthalts auf der Insel Patmos verfaßte. Den Ersten Johanneshrief schrieb er lange nachdem er Patmos verlassen hatte. Diese Tatsache allein würde genügen, um die Behauptung zu widerlegen, daß Offenbarung im allgemeinen abgeschlossen und es dem Menschen untersagt sei, den heiligen Schriften etwas hinzuzufügen. Es ist ein weiterer Beweis dafür, daß sich Johannes ausschließlich auf das Buch „Offenbarung” bezogen hat.
Auch im Alten Testament findet man das Gebot, daß niemand dem geschriebenen Wort etwas hinzufügen oder davon wegnehmen darf, und es wird nachdrücklich verurteilt. Die erste solche Stelle steht in Deuteronomium. Dieses Buch wurde zu der Zeit verfaßt, als Mose die Kinder Israel ermahnte, nach dem Gesetz des Herrn zu leben. Die Tora war bis dahin nur mündlich überliefert worden. Erst als das Gesetz in Form des Buches Deuteronomium kodifiziert wurde, schrieb man es nieder. Da Mose es nun vor seinem Tod schriftlich niedergelegt und als vollständig angesehen hatte, schrieb er:
„Ihr sollt dem Wortlaut dessen, worauf ich euch verpflichte, nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen; ihr sollt auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, achten, auf die ich euch verpflichte.” (Dtn 4:2.)
An späterer Stelle im selben Gesetzbuch wiederholte Mose diese Ermahnung in ähnlichen Worten: „Ihr sollt auf den vollständigen Wortlaut dessen, worauf ich euch verpflichte, achten und euch daran halten. Ihr sollt nichts hinzufügen und nichts wegnehmen.” (Dtn 13:1.)
Es gibt Leute, die diese Ermahnungen im Alten Testament so wie die Warnung am Ende des Buches „Offenbarung” zum Anlaß nehmen, das Buch Mormon als Versuch hinzustellen, der heiligen Schrift etwas hinzuzufügen, in Wirklichkeit jedoch enthalten diese Verse im Alten Testament dieselbe Aussage wie jene am Ende der Apokalypse; und wenn man sie auf dieselbe Weise interpretiert und darauf die gleichen Argumente anwendet wie auf die Schlußverse der Offenbarung, so dürfte nach den Aufzeichnungen des Mose keine heilige Schrift mehr folgen. Wer an dieser absurden Annahme festhält, muß den größten Teil des Alten Testaments und alle Bücher des Neuen Testaments verwerfen.
Liest man die bewußten Stellen genau, so geht daraus hervor, daß es dem Menschen untersagt ist, die Offenbarungen des Herrn zu verändern. Der Mensch darf dem Wort Gottes nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen. Nirgends aber steht, daß Gott selbst nichts davon wegnehmen oder dazugeben würde oder könne. Und kein vernunftbegabter Mensch, der an die Macht Gottes glaubt, kann tatsächlich glauben, Gott seien derartige Schranken gesetzt. Es ist keine Frage, daß er das Recht und die Macht hat, seinen Kindern in jedem Zeitalter zusätzliche Führung zu gewähren und der heiligen Schrift etwas hinzuzufügen.
Wer sich mit den Offenbarungen des Herrn in den heiligen Schriften befaßt, stellt fest, daß es sich um fortlaufende Offenbarung handelt, die die Propheten und die Kirche in allen Zeitaltern geleitet hat. Ohne fortlaufende Offenbarung wäre Noach nicht auf die Flut vorbereitet gewesen, die die Erde bedeckte. Abraham wäre nicht von Haran nach Hebron, ins Land der Verheißung, geleitet worden. Fortlaufende Offenbarung führte die Kinder Israel aus der Knechtschaft zurück in ihr verheißenes Land. Durch Offenbarung an Propheten wurde die Missionsarbeit geleitet, der Wiederaufbau des salomonischen Tempels angeordnet und die Verbreitung heidnischer Gepflogenheiten bei den Israeliten verurteilt.
Bevor Christus in den Himmel auffuhr, verhieß er den verbliebenen elf Aposteln: „Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Weh.” (Mt 28:20.) Nachdem er in den Himmel aufgefahren war, lenkte er durch Offenbarung die Kirche und zwar bis zum Tod der Apostel und zur Abkehr der Kirche Jesu Christi vom Glauben.
Derselbe Apostel, der das Buch „Offenbarung” niedergeschrieben hat, schaute in einer Vision ein Zeichen, das die letzten Tage kenntlich machen würde und dem schließlichen Zweiten Kommen des Herrn hervorgeht:
„Dann sah ich: Ein anderer Engel flog hoch am Himmel. Er hatte den Bewohnern der Erde ein ewiges Evangelium zu verkünden, allen Nationen, Stämmen, Sprachen und Völkern.” (Offb 14:6.1)
Die Tatsache, daß Johannes einen Boten von Gott sah, der ein verlorengegangenes Evangelium offenbarte, widerlegt das Argument, daß der Bibel keine weitere Offenbarung hinzugefügt werden dürfe.
Wir geben der ganzen Welt Zeugnis, daß in unserer Zeit bereits Boten vom Himmel erschienen sind; sie haben Vollmacht vom Himmel gebracht und die Wahrheit wiederhergestellt, die, durch Verfälschung der Gebräuche und Lehren verlorengegangen war. Gott hat erneut gesprochen und sendet seinen Kindern weiterhin durch einen lebenden Propheten Führung. Wir verkünden, daß Gott immer bei seinen Knechten ist, wie er verheißen hat, und daß er die Kirche in aller Welt führt. Wie in vergangenen Zeiten wird die Missionsarbeit auch heute durch Offenbarung gelenkt. Dasselbe gilt für den Tempelbau und für die Berufung von Priestertumsbeamten. Durch Offenbarung werden wir vor den Übeln unserer Gesellschaft gewarnt, die die Kinder unseres Vaters daran hindern können, daß sie errettet werden
In einer Offenbarung an Joseph Smith, einen neuzeitlichen Propheten, hat der Herr gesagt: „Ich mache keinen Unterschied zwischen den Menschen und will, daß alle es wissen: der Tag kommt schnell; noch ist die Stunde nicht, aber sie ist nahe, da der Frieden von der Erde genommen werden und der Teufel Gewalt über sein eigenes Herrschaftsgebiet haben wird.
Und auch der Herr wird Gewalt über seine Heiligen haben und in ihrer Mitte regieren.” (LuB 1:35, 36.)
Der Herr regiert in der Mitte der Heiligen heute, und zwar durch fortlaufende Offenbarung. Ich bezeuge, daß er zu dieser Zeit bei seinen Knechten ist und es bis ans Ende der Erde sein wird.
Seien wir nicht so kurzsichtig, daß wir Offenbarung nur den Menschen in alter Zeit zugestehen. Gott ist barmherzig und liebt seine Kinder in allen Zeitaltern. Er hat sich ihnen in unserer Zeit und in vergangenen Zeiten offenbart. Das bezeuge ich feierlich. Im Namen Jesu Christi. Amen.
Zeit und in vergangenen Zeiten offenbart. Das bezeuge ich feierlich. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Elder Howard W. Hunter

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